Lübeck


Lübeck
Marzipanstadt (umgangssprachlich)

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Lü|beck:
Hafenstadt an der Ostsee.

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I
Lübeck,
 
1) Hạnsestadt Lübeck, kreisfreie Stadt in Schleswig-Holstein, an der unteren Trave und Lübecker Bucht im Ostholsteinischen Hügelland, 0-37 m über dem Meeresspiegel, 213 300 Einwohner. Das Stadtgebiet dehnt sich von Nordosten nach Südwesten 29 km, von Nordwesten nach Südosten 11 km aus, reicht mit Travemünde bis an die Ostsee. Lübeck ist ein historisch-kulturelles sowie Wirtschafts- und Wissenschaftszentrum im Ostseeraum; Medizinsche Universität, Musikhochschule, Fachhochschule, Norddeutsche Orgelschule, Wirtschaftsakademie, Seemannsschule u. a. Fach- und Berufsfachschulen; Archiv, Museen, Theater, Musik- und Kongresshalle. Die Wirtschaftsstruktur wurde bis Ende des 19. Jahrhunderts traditionell durch Handel und Hafen bestimmt. Der Nord-Ostsee-Kanal (Eröffnung 1895) ließ die Stadt einen großen Teil ihres Ostseehandels an Hamburg und Bremen verlieren. Dies führte zu einer Stagnation des Wirtschaftslebens, das auch durch den Bau des heute wirtschaftlich völlig unbedeutenden Elbe-Trave- beziehungsweise Elbe-Lübeck-Kanals (Eröffnung 1900) keine wesentlichen Impulse erhielt. Schon vor dem Ersten Weltkrieg trat deshalb neben den Handel der Aufbau einer modernen Industrie, die zunächst hafenorientiert war. Dies gilt v. a. für die Werften, die Holz verarbeitenden Betriebe sowie für die Industrien an der Untertrave, sodass sich zwischen Lübeck und Travemünde eine »Industriegasse« bildete. Hier befinden sich chemische, keramische, Düngemittel-, Verpackungs- und Fischverarbeitungsindustrie sowie Maschinenfabriken, ferner Unternehmen zur Herstellung von Atemgeräten, Chemikalien, Konserven und Süßwaren (u. a. Marzipan) sowie der Medizin- und Umweltschutztechnik.
 
Mit der Industrieentwicklung entlang der unteren Trave ging der Ausbau des Hafens einher; heute ist er für Schiffe bis 9,5 m Tiefgang erreichbar. Der Gesamtumschlag belief sich 1996 auf 22 Mio. t. Mit dem Skandinavienkai besitzt Lübeck einen wichtigen Hafen für den Passagier- und Autofährverkehr mit Schweden, Finnland, Estland, Litauen und Russland, ergänzt durch zwei Eisenbahnfähren nach Schweden und Finnland.
 
 
Trotz schwerer Zerstörung im Jahre 1942 bietet Lübeck immer noch das Bild der mittelalterlichen Handelsgroßstadt (neben Köln die größte Stadt des deutschen Mittelalters) mit ihren sieben beherrschenden Kirchtürmen. Die Sanierung des Stadtkerns hat zur Bewahrung eines geschlossenen Altstadtbildes geführt; aufgrund des Bestandes an originaler Bausubstanz wurde die Altstadt als Weltkulturerbe von der UNESCO anerkannt. Der 125 m lange Dom, 1173 unter Heinrich dem Löwen als romanische Doppelturmbasilika begonnen, 1247 geweiht, 1266-1341 zur gotischen Backsteinhalle mit polygonalem Umgangschor umgebaut, besitzt ein Triumphkreuz von B. Notke (1477), einen Lettner (14. Jahrhundert) mit astronomischer Uhr (1627/28) sowie Grabmäler und -platten. Ein städtebaulicher Glanzpunkt ist der Markt: die Marienkirche (1159 gegründet, ursprünglich um 1200-1220 errichtet, um 1250-1351 umgebaut), eine doppeltürmige Pfeilerbasilika mit Umgangschor und Kapellenkranz, ist ein wichtiges Beispiel norddeutscher Backsteingotik (Mittelschiffhöhe 38 m); das gotische Rathaus (13.-15. Jahrhundert) aus schwarz glasierten Ziegeln mit Giebeln, Türmchen und hohen Schildwänden ist eines der größten des Mittelalters. Unzerstört blieben Sankt Ägidien, eine Stufenhalle des 13.-15. Jahrhunderts mit Spätrenaissancelettner (1586/87) und Orgelprospekt (1624-26), und Sankt Jakobi (13./14. Jahrhundert) mit zwei gotischen Orgeln, Renaissancegestühl (1576) und zahlreichen Epitaphien. Die ehemalige Franziskanerklosterkirche Santa Katharinen ist eine mächtige, turmlose Pfeilerbasilika des 14. Jahrhunderts; in den Nischen der reich gegliederten Westfassade Figuren von E. Barlach und G. Marcks. Das ehemalige Dominikanerkloster (Burgkloster), 1227 gegründet, wurde 1893-96 neugotisch ummantelt; heute werden die Räume zum Teil für Ausstellungen genutzt. Das Heiliggeisthospital (2. Hälfte 13. Jahrhundert) ist eines der ältesten erhaltenen Hospitäler (teilweise auch heute noch als Altenheim genutzt) mit dreigiebeliger, turmreicher gotischer Fassade, ausgemalter Kirchenhalle und 88 m langer Spitalhalle mit offenem Dachstuhl. Als bedeutendstes deutsches Stadttor gilt das Holstentor (1477/78 vollendet); daneben die Salzspeicher (16.-18. Jahrhundert); nahebei die Petrikirche, eine asymmetrische fünfschiffige Halle (14.-16. Jahrhundert); Burgtor (1444 vollendet). Das spätgotische Sankt-Annen-Kloster (1502-1515/18) beherbergt ein Museum (mittelalterliche Sakralkunst, u. a. der Memling-Altar aus dem Dom, 1491; lübische Wohnkultur; Gemälde und Grafik des 17.-20. Jahrhunderts). Im Museum Behnhaus (1779-83 erbaut, klassizistische Räume 1802 ff.) befindet sich die Städtische Galerie (Malerei und Plastik des 20. Jahrhunderts, Frühwerke des 1789 in Lübeck geborenen J. F. Overbeck). Charakteristisch für Lübeck sind die Stiftungshöfe in der Glockengießerstraße (z. B. der Füchtingshof) und die vielen, aus Raumnot entstandenen »Wohngänge«, beiderseits mit »Budenreihen«. Die schönsten Bürgerhäuser stehen in der Königstraße, der Großen Petersgrube, der Großen Altefähre und der Mengstraße (u. a. Schabbelhaus, 1558; Buddenbrookhaus, 1758). Im Haus der Schiffergesellschaft (1535) befindet sich eine hohe, vertäfelte Dielenhalle, im Haus der Kaufmannschaft (1838) das »Fredenhagensche Zimmer« mit Renaissancetäfelung (1572-83). Das Theater Lübeck an der Beckergrube ist ein aufwendiger Jugendstilbau (1907/08) von M. Dülfer. Zu den architektonisch interessanten Gebäuden aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg gehören das Hallenschwimmbad an der Marlesgrube (1959) von G. Weber und das Gerichtshaus (1959-62) mit hohem Bürohaus von Atmer & Marlow. 1992-94 entstand die neue Musik- und Kongresshalle von M. von Gerkan. - Weitere historische Wohnbauten auch in den Vorstädten Santa Gertrud, Sankt Jürgen und Sankt Lorenz, stattliche Backsteinkirchen in den Ortsteilen Genin (13./18. Jahrhundert), Schlutup (15./16. Jahrhundert) und Travemünde (16./17. Jahrhundert).
 
 
Die 6 km traveabwärts gelegene Vorgängersiedlung Alt-Lübeck entstand im 11. Jahrhundert (1043 erwähnt) als Zentrum des wendischen (slawischen) Wagrien bei einer aus dem 10. Jahrhundert stammenden slawischen Ringburg als Kaufmannssiedlung an der Mündung der Schwartau in die Trave (slawisch Liubice); sie war Mittelpunkt des Abodritenreichs und im 11. und 12. Jahrhundert Ausgangspunkt der Christianisierung der Slawen. Die Burg wurde 1128 und 1138 zerstört, die Kirche in der Burg durch Konrad III. 1141 an Vizelin übertragen. - Ausgrabungen (seit 1852) haben die starke Befestigung des Burgwalles, seine Toranlage, das Steinfundament der Burgkirche und einen kleinen Friedhof freigelegt (Funde im Zweiten Weltkrieg teilweise zerstört).
 
Die 1143 gegründete deutsche Kaufmannssiedlung Lübeck wurde nach Zerstörungen 1158/59 planmäßig durch Heinrich den Löwen und Gruppen von westfälischen und niedersächsischen Kaufleuten neu gegründet. Die mit reichen Privilegien ausgestattete Stadt fiel 1181 nach dem Sturz Heinrichs an Kaiser Friedrich I. Barbarossa. Das der Stadt verliehene Soester Recht wurde umgestaltet (lübisches Recht); 1226 wurde Lübeck nach kurzer dänischer Schutzherrschaft, die endgültig durch die Schlacht bei Bornhöved 1227 beseitigt wurde, durch Kaiser Friedrich II. zur freien Reichsstadt erhoben.
 
Durch die Gunst seiner Lage als westlichster Hafenplatz an der Ostsee wurde Lübeck schnell Knotenpunkt für den Güterumschlag zwischen Ostsee und Nordsee und Innerdeutschland. Der rasche wirtschaftliche Aufstieg gründete sich auf den Austausch von Rohstoffen aus dem Osten und Norden gegen Fertigwaren aus dem Westen und S. Bündnisse zwischen Lübeck und norddeutschen Fürsten, See- und Handelsstädten führten zur Gründung der deutschen Hanse, deren Führung Lübeck übernahm (seit Ende des 13. Jahrhunderts war Lübeck Vorort der Hanse, seit 1358 fanden Hansetage in Lübeck statt). Über Lübeck erfolgte zum großen Teil auch die deutsche Besiedlung des Ostseeraums bis ins Baltikum. Auch Schwedens Städtewesen und Wirtschaft erhielten von Lübeck aus neue Impulse. Das Lübecker Mittelniederdeutsch wurde die Gemeinschaftssprache der Ostseegebiete; die Kunst seiner Bildhauer (B. Notke, H. van der Heide, B. Dreyer), Tafelmaler und Buchdrucker strahlte nach Norden und Osten aus. Der nach Einführung der Reformation (ab um 1530) zur Macht gekommene J. Wullenwever (1533-35) überschätzte in der Grafenfehde (1533-36) und im Gegensatz zu den Niederlanden die reale Machtposition der Stadt und deckte dadurch deren Schwäche auf. Der Ausbau der Nationalwirtschaften in den norden Staaten und das Eindringen niederländischer Kaufleute in den Ostseeraum beendeten Lübecks wirtschaftliche Schlüsselstellung.
 
Lübeck konnte seine Stellung als freie Reichsstadt zunächst wahren. Es blieb im Handel mit Skandinavien, dem Baltikum und Russland weiter bedeutend. Von dem wirtschaftlichen Zusammenbruch, bedingt durch die französische Besatzung beziehungsweise die Zugehörigkeit zum französischen Kaiserreich 1806-13, konnte es sich nur langsam erholen. Seit 1815 gehörte Lübeck als »Freie und Hansestadt« zum Deutschen Bund, und seit 1871 war es Bundesstaat des Deutschen Reichs. Durch das Groß-Hamburggesetz fiel Lübeck am 1. 4. 1937 an Preußen. Das zusammenhängende frühere Staatsgebiet wurde Stadtkreis in Schleswig-Holstein, die Exklaven fielen an preußische Landkreise und Mecklenburg. Die Grenzziehung 1945 schnitt Lübeck bis 1989 von großen Gebieten seines Hinterlandes ab.
 
 
 
Codex diplomaticus Lubecensis, 11 Bde. (1843-1905);
 
Gesch. der freien u. Hansestadt L., hg. v. F. Enders (1926, Nachdr. 1981);
 H. Hübler: Das Bürgerhaus in L. (1968);
 G. Krabbenhöft: Verf.-Gesch. der Hansestadt L. (1969);
 
L. Die Altstadt als Denkmal, hg. v. M. Brix (1975);
 
L.-Schrifttum 1900-1975, bearb. v. Gerhard Meyer u. a. (1976);
 J. Lafrenz: Die Stellung der Innenstadt im Flächennutzungsgefüge des Agglomerationsraumes L., 2 Tle. (1977);
 
Lübecker Schriften zur Archäologie u. Kulturgesch., auf zahlr. Bde. ber. (1978 ff., unregelmäßig);
 W. Ebel: Jurisprudentia Lubicensis (1980);
 M. Hasse: Die Marienkirche zu L. (1983);
 G. Schneider: Gefährdung u. Verlust der Eigenstaatlichkeit der Freien u. Hansestadt L. u. seine Folgen (1986);
 
Lübeckische Gesch., hg. v. A. Grassmann (2(1989).
 
Lübecker Schr. zur Archäologie u. Kulturgesch. (1978 ff.).
 
 2) ehemaliges Bistum, Hochstift und Fürstentum. Das Bistum wurde durch Verlegung des 948 errichteten Bistums Oldenburg (Holstein) 1160 als Suffragan des Erzbistums Bremen-Hamburg gegründet (1185 Reichsunmittelbarkeit). Residenz der Bischöfe war seit der Mitte des 13. Jahrhunderts Eutin. Nach Einführung der Reformation (1530/35) regierten seit 1555 protestantische Fürstbischöfe (seit 1774 Herzöge, seit 1815 Großherzöge; 1586 Dynastie Holstein-Gottorp). 1803 wurde das Hochstift säkularisiert und fiel 1823 als weltlicher Erbfürstentum (Fürstentum Lübeck; Hauptstadt Eutin) an Oldenburg (1937 an Preußen).
 
II
Lübeck,
 
Vincent, Komponist, * Padingbüttel (bei Cuxhaven) September 1654 oder um den 29. 9. 1656, ✝ Hamburg 9. 2. 1740; wurde mit 20 Jahren Organist in Stade und 1702 wegen seines Ansehens als Komponist, Organist und Orgelsachverständiger an die Nikolaikirche nach Hamburg berufen; schrieb Orgelwerke und Kantaten.
 

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Lü|beck: Hafenstadt an der Ostsee.

Universal-Lexikon. 2012.

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